"Trenne dich nie von deinen Illusionen und Träumen. Wenn sie verschwunden sind, wirst du zwar weiter existieren, aber aufgehört haben, zu leben." - Mark Twain

Montag, 22. August 2011

Der Mann, den er nicht kennen wollte

Er lief auf der Straße wie alle anderen. Es waren viele Menschen unterwegs. Viele Menschen mochte er nicht. Hunderte Gesichter huschten an ihm vorbei, die er im nächsten Moment schon wieder vergessen hatte. Und er war nicht unglücklich darüber.

Doch dann kam alles anders. Jemand blieb vor ihm stehen und zeigte vorwurfsvoll mit dem Finger auf ihn. „Du! Du hast noch nie etwas für mich getan! Du hast mich einfach so im Stich gelassen!“, rief der Mann wütend. Überrascht blickte er sich um. Er wollte sichergehen, dass der Mann nicht ihn meinte. 
Doch er meinte ihn.
„Ich bin maßlos von dir enttäuscht! Wie konntest du mir nur so etwas antun?“, fuhr der Mann fort.
„Ich kenne Sie nicht. Es muss eine Verwechselung vorliegen“, antwortete er trocken. Das hätte wohl jeder in seiner Situation gesagt.
„Jaja, das sagen sie alle! Immer diese billigen Ausreden!“, entgegnete der Mann ohne zu zögern. „Erst lassen sie dich im Stich und dann tun sie auch noch so, als würden sie dich nicht kennen! Erbärmlich!“

Es war eine absurde Situation. Absurde Situationen mochte er nicht. Er wollte dem Mann noch einmal erklären, dass er im Irrtum war, doch dieser hörte ihm anscheinend nicht zu und setzte seine Reihe von Anschuldigungen unbeirrt fort.
Schließlich sagte er: „Du hast mich wie Luft behandelt, mich gar nicht beachtet! Du hast mich so behandelt als würde es mich gar nicht geben!“
„Weil ich Sie nicht kenne. Wie soll ich denn etwas für Sie tun, wenn ich Sie noch nie in meinem Leben gesehen habe?“, entgegnete er. Er war verwirrt und auch ein bisschen verärgert, versuchte jedoch die Höflichkeit zu wahren. Die Antwort des Mannes ließ nicht lange auf sich warten: „Dann hättest du mich doch mal besuchen können!“

Er wusste wirklich nicht, was er darauf antworten sollte. „Sie sind verrückt“, sagte er schließlich mit einem Kopfschütteln. Daraufhin verzog der Mann sein Gesicht zu einer hämischen Fratze: „Wenn du mich nicht kennst, woher weißt du dann, dass ich verrückt bin? Also kennst du mich doch! Ätsch!“
Nun war es soweit. Ihm platzte der Kragen: „HÖREN SIE ENDLICH AUF! HIER SIND SO VIELE MENSCHEN UNTERWEGS! WARUM HABEN SIE VERDAMMT NOCH MAL AUSGERECHNET MICH ANGESPROCHEN?!“
Die Gesichter, die eigentlich an ihm vorbeihuschen sollten, blieben plötzlich stehen und blickten ihn verwundert an. Erst jetzt wurde ihm bewusst, in welcher Lautstärke er das gesagt hatte.

Der Mann trat nun zwei Schritte zurück, wandte sich angewidert von ihm ab und sagte: „Ich kenne diesen Mann nicht! Der gehört nicht zu mir!“

Plötzlich schämte er sich, dass er sich kannte.

Kommentare:

  1. Ich liebe deine Inputs. Wieder einmal grandios geschrieben. Dein Stil gefällt mir sehr (habe ich das schon einmal gesagt?).

    Damian

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  2. Die Grundidee ist herrlich und wird konsequent entwickelt. Anhand einer Situation, die
    den Rahmen gesellschaftlicher Konventionen sprengt, wird die Eigentümlichkeit dieser Konventionen verdeutlicht. Das ist tiefgründig - und witzig geschrieben!

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